Henri Lefebvre: Das Recht auf Stadt

Buchvorstellung

Das unumstrittene Grundlagenwerk für die moderne Stadt — Henri Lefebvres Recht auf Stadt endlich in deutscher Übersetzung

Allerorten wird in den letzten Jahren ein »Recht auf Stadt« eingefordert — von sozialen Protestbewegungen gegen Gentrifizierung weltweit. NGOs und UN-Organisationen postulieren es gleichermaßen. Kritische Stadtforscher wie David Harvey, Peter Marcuse oder Niels Boeing beziehen sich in ihrer radikalen Gesellschaftskritik auf Henri Lefebvre, der das Konzept 1968 entworfen hat — in einer Schrift, die hier nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt.

»Recht auf Stadt« ist mehr als die individuelle Freiheit, auf städtische Ressourcen zugreifen zu können. Es ist das Recht auf ein erneuertes urbanes Leben. Angesichts der sozialen Probleme in den desolaten Hochhaus-Vorstädten und anderer Folgen des rasanten Städtewachstums nach dem Zweiten Weltkrieg stellte Lefebvre schon in den sechziger Jahren fest, dass der Urbanisierungsprozess einhergeht mit einem Verlust der Stadt als Ort der kreativen Schöpfung, zugunsten einer bloßen industriellen Verwertungslogik. Er postuliert aber keine Abkehr von der Stadt — etwa in die zeitgleich entstehenden amerikanischen Mittelklasse-Vororte –, sondern macht in der Stadt ein enormes Potenzial aus, das zu einer emanzipierten urbanen Gesellschaft führen kann. Das Recht auf Stadt ist ein gesamtgesellschaftliches Anrecht auf Begegnung, Teilhabe, Austausch, das große Fest und einen kollektiv gestalteten und genutzten städtischen Raum.

Aus dem Französischen von Birgit Althaler
Mit einem Vorwort von Christoph Schäfer

Deutsche Erstausgabe, 224 Seiten, erschienen im März 2016 im Verlag Edition Nautilus

Artikel dazu: der Freitag 04.05.2016: Kritische Zone

Broschüre: Resisting Evictions Across Europe

Ein kleiner Hinweis auf eine neue Broschüre, die sich mit dem Widerstand gegen Zwangsräumungen und deren Ursachen in verschiedenen europäischen Städten beschäftigt. Die Broschüre wird von der European Action Coalition for the Right to Housing and the City herausgegeben und kann hier runtergeladen werden http://berlin.zwangsraeumungverhindern.org
Videos zur Veranstaltung am 04.02. Soziale Stadt für Alle — geflüchtete Menschen werden Nachbarn







Kurzfilm: Wir haben genügend Revolutionsbedarf

Regie: Matthias Coers und Peter Nowak, D 2016, 2:20 Minuten

Dem langjährigen Betreiber des Gemischtwarenladens mit Revolutionsbedarf M99 Hans Georg Lindenau, genannt HG, droht die Zwangsräumung. Damit würde der auf einen Rollstuhl angewiesene Ladeninhaber nicht nur seine Arbeitsmöglichkeit, sondern auch die auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Wohnung verlieren. Der Stadtteil Kreuzberg verlöre einen Anlaufpunkt, an dem Menschen nicht nach ihrem Einkommen taxiert werden.

Seit einigen Wochen organisieren das Bündnis „Zwangsräumungen verhindern“ und Stadtteilinitiativen wie Bizim Kiez eine Kampagne gegen die Zwangsräumung. Dieses Anliegen soll mit dem Kurzfilm „Wir haben genügend Revolutionsbedarf“ unterstützt und verbreitet werden.

Der gut zweiminütige Filmbeitrag hatte auf dem globale Filmfestival im Kino Moviemento in Kreuzberg Premiere.



„Erst das Essen, dann die Miete!“ Protest und Selbsthilfe in Berliner Arbeitervierteln während der Großen Depression 1931 bis 1933

Buchvorstellung

von Simon Lengemann

Die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933 wird primär assoziiert mit Massenarbeitslosigkeit, autoritären Präsidialkabinetten und schließlich der nationalsozialistischen Machtübernahme. Aus Sicht einer ‚Geschichte von unten‘ bleibt dabei ein entscheidender Faktor der Krise im privaten Reproduktionsbereich unterrepräsentiert: die Verelendung namentlich der städtischen Bevölkerung durch ihren Status als Mieterinnen und Mieter.

Kürzungen bei Löhnen und Sozialleistungen standen mit der 4. Notverordnung vom Herbst 1931 für die meisten Altbaumieter Mehrbelastungen durch die Miete gegenüber. Der kriegsbedingte Mangel an Wohnraum bestand im günstigsten Marktsegment der Großstädte fort, weshalb diese weiterhin der aus zwangswirtschaftlichen Elementen hervorgegangenen ‚gesetzlichen Miete‘ unterlagen. Unter den Vorzeichen der Austeritätspolitik wurde diese Schutzmaßnahme zu einem stumpfen Schwert, selbst die existenziellen Grundbedürfnisse Essen und Wohnung überforderten Geringverdienende finanziell. Sie waren somit gezwungen, sich zwischen dauerhafter Unterernährung und anwachsenden Mietrückständen — die letztlich zum Wohnungsverlust führen mussten — zu entscheiden.

Krisenzeichen — orangotango musik

Musik als Protestform: Das Musik- und Videoprojekt „Krisenzeichen“ thematisiert die aktuelleBerliner Stadtentwicklung im Kontext von neoliberalem Stadtumbau, Immobilienspekulation, Verdrängung, Flucht, Migration und Tourismus. Inspiriert von den Auseinandersetzungen um das Recht auf Stadt in unserer Nachbarschaft ist die Idee für das Projekt entstanden.

Die musikalische Grundlage legt der Schlagzeuger Benjamin Wellenbeck mit einem neo-klassischen HipHop Beat, der sich an US-amerikanische Musik Produktionen der 90er Jahre (Questlove, J Dilla) anlehnt. Die Texte von Papa P. und Saïdu nehmen Bezug auf jüngere stadtpolitische Ereignisse in Berlin und stellen diese in einen globalen Zusammenhang. Dabei bewegen sie sich zwischen Beobachtung, Momentaufnahme und kritischer Analyse. Die Situation von Geflüchteten in Berlin schildert Saïdu, ein Aktivist vom Oranienplatz, in seiner Muttersprache Hausa. Im Refrain – in gewisser Weise als Antwort auf die Frage nach dem Recht auf Stadt — melden sich die städtischen Protestbewegungen zu Wort.

Das Wechselspiel zwischen Stadtraum und dessen Gestaltung durch die verschiedensten städtischen Akteure prägt auch das Video von Nico Baumgarten

Link: ORANGOTANGO
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Verbietet das Bauen

Buchvorstellung

von Daniel Fuhrhop, August 2015

Neu bauen ist oft mit Verschwendung und Prestigesucht verbunden, immer teuer und oft unwirtschaftlich; es schadet der Umwelt und fördert die soziale Spaltung unserer Städte.
Der größere Teil des Bauverbot-Buches widmet sich aber den Möglichkeiten, Neubau überflüssig zu machen — mit 50 „Werkzeugen“ zeigt das Buch, wie wir unsere vorhandenen Häuser anders und besser nutzen. Der Begriff Werkzeuge meint dabei Ideen, Anregungen und Beispiele; die Liste umfasst ökonomische und soziale Argumente, Tipps für Fachleute von Architektur und Immobilien bis Stadtplanung genauso wie für jeden von uns, ob beruflich oder privat.

Link: verbietet-das-bauen

Boomtown St.Georg — Ein Stadtteil wehrt sich

Dokumentarfilm von Ulrich Gehner und Manfred Goetz

BRD 2014, 90 Min.

St. Georg ist heute Ziel der Investoren. Wo früher die Junkies das Straßenbild bestimmten, wird heute versucht, die Einkaufs-City auf die andere Seite des Bahnhofs „rüberzuziehen“. 

Der Hansa-Platz wurde für ein paar Millionen optisch aufgefrischt. Bänke gibt es keine mehr, dafür jede Menge Cafés rundherum mit Außenterrassen.
Noch ist St. Georg ein bunt gemischter Stadtteil. Alte Kiez-Strukturen treffen auf türkisch-iranische Supermärkte und die eingesessenen Hamburger. Allen gemeinsam missfällt, wie das Geld das Viertel umkrempelt.

Link: boomtown-stgeorg

Rechercheprojekt HÄUSERKAMPF

Ein Projekt der Tagesspiegel-Samstagsbeilage, April 2015

Rausfliegen, wo andere Urlaub machen: Über das Internet werden in Berlin immer mehr private Ferienappartements angeboten. Das verändert den Markt für Mieter — weil Touristen ihnen die Wohnungen streitig machen. In dieser dreiteiligen Geschichte erkunden wir, was Menschen eigentlich hier suchen und wie Online-Firmen ihnen ein Gefühl verkaufen. Wir erzählen, wie Immobilienunternehmen die Stadt als Spekulationsmasse nutzen. Und wie ganz normale Berliner versuchen, sich dagegen zu wehren.

Link: HÄUSERKAMPF

Wem gehört die Stadt — Bürger in Bewegung

Dokumentarfilm von Anna Ditges, 2015

Wem gehört die Stadt: Den Beamten, die sie verwalten? Den Bauherren, die sie kaufen? Oder den Menschen, die sie bewohnen?

Als ein Großinvestor ankündigt, auf einem ehemaligen Industrieareal mitten in Köln-Ehrenfeld eine Shopping Mall zu bauen, werden Proteste laut. Der Bürgermeister des Stadtteils versucht zu vermitteln: Er möchte die Anwohner an der Gestaltung ihres Viertels beteiligen. Doch während in der Bürgerinitiative noch über visionäre Alternativen diskutiert wird, hat die Stadtverwaltung schon ganz andere Pläne auf dem Tisch…

Aus der individuellen Empörung über die Händel zwischen Investor und Verwaltung wachsen eine kreative Bürgerinitiative und schließlich ein Dialog zwischen allen Beteiligten.

Inzwischen hat die Stadt dem Investor einen Teil des Baulandes abgekauft, die Shoppingmall wird nicht gebaut, erzählt die Regisseurin im Gespräch. Eine Schule soll entstehen. „Aber das ist nicht alles“, erklärt Ditges, die selbst in Ehrenfeld wohnt. „Freundschaften sind entstanden, die Identifizierung mit dem Viertel ist stärker als je zuvor.“ (Augsburger Allgemeine)

Link: Wem gehört die Stadt

Vom Häuserkampf zur neoliberalen Stadt: Besetzungsbewegungen in Berlin und Barcelona 

Buchvorstellung

von Armin Kuhn
Verlag: Westfälisches Dampfboot, 2014

Verlagstext:
Hausbesetzungen, noch heute Symbole radikaler städtischer Bewegungen, haben ihren Ursprung im Widerstand gegen die fordistische Stadt. Armin Kuhn beschreibt die Hausbesetzungen als Bewegungen, die gegen die zerstörerischen und disziplinierenden Auswirkungen fordistischer Stadtpolitik entstanden und deren Erfolge davon abhingen, zu welchem Zeitpunkt sie auftraten: Am Übergang von der Krise zu einer neuen, noch offenen und umkämpften Form städtischen Regierens. Oder zu einer Zeit, als das politische Terrain bereits neoliberal abgesteckt war. Er untersucht systematisch die Berührungspunkte mit neoliberalen Politikansätzen, die anfangs eine Durchsetzung bestimmter Ziele ermöglicht und später zur Einhegung und Eingliederung der Besetzungen geführt haben.

Heute, angesichts einer tiefen Krise der neoliberalen Stadt, wird die Frage nach dem Recht auf Stadt wieder mit Nachdruck gestellt. Besetzungen spielen dort eine entscheidende Rolle, wo es gelungen ist, die ambivalent gewordenen Strategien und Identitätsentwürfe abzuschütteln und sich den neuen, aus städtischen Alltagsbeziehungen entstandenen Formen des Gemeinsamen zu öffnen.